Komm, geliebter Schmerz, sei unser Gast….

Der Russe und ich, wir spielen seit ca einem Jahr zusammen. Als wir angefangen haben zu schreiben und zu daten, war er sehr neugierig. Er wusste vom Rigger und meiner BDSM-Neigung und hat mich sehr viele Dinge gefragt, war wissbegierig und wollte vieles wissen. Nicht so sehr die Technik, sondern wie Dinge an sich funktionieren und / oder wie ich mich dabei fühle, was ich mir wünsche und vorstelle. Er selber erzählte mir, dass er Erfahrung mit hartem Sex hat, aber mehr auch nicht – das es ihn aber reizt. 

Ich hatte von Anfang die Intuition, dass da mehr ist – nicht weil ich es unbedingt wollte, sondern weil da wirklich etwas war. Wir probierten ein wenig herum und kamen eines Nachmittags darauf, dass er auch devot ist, auch maso – und wir beide Switcher. Es war eine wundervolle Entdeckung für uns beide und der Beginn einer schönen und intensiven Reise, wir spielten viel und intensiv zusammen, wir gingen auf Workshops (absolut zu empfehlen), Messen, Playparties, Fetisch-Tanz-Parties und sprachen viel mit anderen Menschen darüber. Wir sprangen beide kopfüber in das große und tiefe Meer des BDSM, erkundeten neugierig einige Dimensionen, ließen andere aus, machten uns eine schöne und geile Zeit. 

Dann passierten zwei Dinge: Der Rigger machte mit Schluß. (Wegen des Russen und weil ich Switcher bin. Ich trauerte in einer Intensität, die mir selber Angst machte und die er nicht verdient hat und hatte. Es dauerte eine Weile, bis ich entdeckte, dass ich um meine Sub-Seite trauere, um meine Bunnie-Seite, um dieses Gefühl der Hingabe, dass er in mir so wunderbar und so natürlich auslösen konnte. Ich traf mich seitdem zweimal mit ihm, einmal zum Essen und einen Abend tatsächlich zum fesseln. Nach dem Essen war mein Liebeskummer wie weg geschwischt, ich stand damals nachts am See, bei Vollmond, rauchte eine Zigarette und musste auf einmal lachen, sagte mir selber „So, Du Drama-Queen, und jetzt ist es gut!“ War es dann auch wirklich, ich war selber erstaunt. Ich vermisse immer noch meine Sub-DS-Seite, aber ich weiß, dass das wieder kommen wird, wenn die Zeit dafür reif ist. Und ich weiß, dass der Rigger als Dom für mich eine Zeitlang sehr gut und lehrreich war, aber die letzte Zeit hat er mich nicht gut behandelt, weder als Mensch, noch als Frau, noch als Sub. Das tue ich mir nicht mehr an, dafür bin ich mir zu wertvoll. Was aber – komischerweise – noch geht: Das fesseln. Wir haben es einfach mal probiert und meine Grenze war ganz klar: Keine sexuellen Handlungen. Wir trafen uns und ich genoss das Gefühl, dass sich mal wieder ein Rigger mit seinen Seilen auf mich stürzt, ohne Hemmungen, ohne Pause.) 

Das zweite kam genau in diese Phase: Der Russe und ich spielten miteinander, einmal auf einer Fetisch-Tanz-Party und einmal auf einer privaten Party. Und beide Male machte ich Fehler: Das erste Mal fing ich ihn nicht richtig auf, sprach mit ihm nicht über etwas, was für mich klar war, für ihn aber nicht: Es war voll, laut und stickig, ich war der Meinung, dass er hier nicht zur Ruhe kommen kann. Für ihn war eher schlecht, dass ich so auf das Gehen gedrängt habe. Also mal wieder: Kommunizieren, fragen, fragen, fragen…. Bei der privaten Party stieg ich zu heftig ein und war in so einem Rausch, dass ich sein Stopp nicht hörte. 

Für mich war das unverzeihlich. Wir sprachen sehr viel darüber, für ihn war es auch bald wieder okay. Aber ich machte mir sehr lange Vorwürfe. Dass ich mal wieder zu viel war, dass ich mal wieder mich in den Vordergrund gestellt habe, dass ich nicht für ihn da war…..  

Wir versuchten den Einstieg immer mal wieder zu finden, mit Teasen, mit darüber reden… es gelang uns auch ein wenig, aber nicht genug, um wirklich zu spielen, um wirklich eine Session zu machen. Bis zum letzten Wochenende. 

Wir waren schon länger auf einem BDSM-Workshop über Intensive Empfindungen angemeldet, wir kannten die Leiter und die Location und freuten uns sehr darüber. Dass noch zwei Freunde mit kamen, machte das Ganze noch besser. 

Kurz davor kam meine Kündigung und bei mir damit eine zwar verständliche, aber schwer erklärbare Erleichterung. Ich nutzte die letzten Wochen sehr für mich, meine Bedürfnisse, für Dinge, die ich tun muss, aber auch für Dinge, die ich tun will und möchte. Momentan komme ich mir noch vor, als hätte ich lange Urlaub und das macht natürlich auch den Kopf frei. Also: Workshop, wir kommen! 

Ich erzähle hier über den Workshop selber und war wir erlebt haben, nicht über die anderen Teilnehmer. Es war eine recht kleine Gruppe und es gab die ganz klare Absprache, dass die Vegas-Regel gilt: What Happens in Vegas, Stays in Vegas. Oder: Diskretion. Die Ausnahmen sind Dinge, für die ich ganz explizit eine Erlaubnis bekommen habe. 

Freitag Abend war es viel Theorie, wir stellten uns vor, machten erste Übungen und gingen um halb 11 alle ziemlich erschlagen nach Hause (sorry, das doofe Wortspiel musste sein). 

Samstag ging es weiter, wir bekamen wieder viel Wissen vermittelt, aber diesmal fingen wir mit praktischen Übungen an. Zuerst Atemübungen mit dem Partner, manchmal auch einzeln. Wir sprachen viel miteinander, wir hörten den anderen zu, wir hatten immer wieder Feedback-Runden, teils in der großen Gruppe, teils mit dem Partner. 

Wir machten Experimente mit uns selber, legten uns meditativ und mit viel Pausen und atmen dazwischen Klammern an, testeten Schmerz an uns selber… ich fand es sehr spannend. Eine Atem“Reise“ mit Musik durch die einzelnen Chakren rundete das Ganze sehr gekonnt ab. Während die Meditation zu einem geführten Abschluss kam, tastete ich nach der Hand des Russen, der neben mir lag, ich hatte Sehnsucht nach seiner Nähe, nach seiner Wärme. Er fasste meine suchende Hand und ich rollte mich in seinen Arm, wir lagen nahe beieinander, hörten den Herzschlag und den Atem des anderen und gingen förmlich darin auf. Ich war danach ziemlich neben mir (auf eine wunderschöne Art und Weise).

Dann kam der Teil, auf den wir alle gewartet hatten: Wir machten Partner-Übungen mit dem Schmerz. Aber auf eine ganz andere Art und Weise, als ich gedacht habe. Die Seminarleiter hatten als Abschluss-Ritual eine Peitschen-Session von ca. 60 Minuten. Sie wurde von ihm aufgewärmt und mit diversen Schlaginstrumenten bearbeitet, dazu lief Musik und ihre Stimme vom Band, sie erzählte uns also parallel, wie es ihr gerade ging. Es war atemberaubend. Nicht weil die zwei so perfekt spielten (was sie taten) oder weil sie wirklich viel einsteckte…. Aber das Band zwischen den beiden zu sehen und zu spüren, diese Verbindung, diese Energie, diese Liebe… die beiden taten nicht viel, aber es machte einen großen Eindruck auf mich, die Verbundenheit dabei beobachten zu dürfen. 

Wir saßen am Boden vor ihnen und hatten vorher Klammern bekommen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt bat sie uns (mit der Stimm-Aufnahme auf dem Band) uns selber oder unseren Partnern die Klammer anzulegen. Der Russe lag mit nacktem Oberkörper in meinem Schoß und sah mich vertrauensvoll und hingebungsvoll an. Mir schlug das Herz höher, ihn so zu sehen…. Ich hatte es vermisst, diese ganz besondere Nähe, die eine Session bringen kann. Wir hatten den Morgen daheim mit wunderschönem und geilem Sex begonnen, hatten beide intensive und lange Orgasmen gehabt. Und hier saßen wir nach einem intensiven Workshop, entspannt, gespannt. vorfreudig, freunös (Nell!!!!). Wir sahen uns in die Augen und er hauchte ein „Bitte“. Ganz langsam setzte ich ihm eine Klammer nach der anderen, zuerst an der Halsbeuge, an den Armen, am Bauch. Dann an den Brustwarzen, an den Fingern… Ich hatte insgesamt 10 Klammern, die ich nach und nach mit Augenkontakt setzte. Ich hielt ihn weiterhin, während die Session vorne weiter ging und noch intensiver wurde. An einem bestimmten Punkt kam der Satz vom Band, dass wir bitte die Klammern wieder entfernen sollen. Auch dies tat ich mit Augenkontakt und er lernte sehr schnell, dass das abmachen viel intensiver ist als das hinmachen. Die nicht ganz so gemeinen Klammern gingen sehr gut. Die am Oberarm waren schon spannender und die an den Brustwarzen….. was habe ich es genossen. Sein Aufbäumen, sein scharfes Einatmen, seinen Blick in meine Augen mit diesen großen Pupillen, seine Hand, die meine suchte…. Ich wartete immer, bis der erste Schmerz vorbei war, bis wir wieder im gleichen Rhythmus atmeten, bis ich die nächste abmachte. Wie hatte ich es vermisst….. 

Die Session ging vorne weiter und wir hatten genug Zeit für das auffangen, Körperkontakt, umarmen, genießen….. 

Danach räumten alle allmählich auf und zogen sich um. Hiermit möchte ich noch einmal ganz explizit betonen, dass Blumenhosen unglaublich sexy sein können – vor allem, wenn sie auf meinen Wunsch getragen werden. Manchmal ist es aber so, dass es ohne Blumenhosen noch mehr sexy ist und echte Doms getriggert werden. Wir hatten eine wunderschöne kleine Session zu dritt, ich durfte das erste Mal bei einem Paar mitspielen, war aufgeregt, fühlte mich geehrt und fand es unglaublich aufregend, ihre Reaktionen zu beobachten. Der Russe saß neben uns und verschlang uns mit den Augen, für ihn ging damit ein Traum in Erfüllung. 

Leider waren wir danach so müde, dass wir nur noch zum Essen gingen, aber bei der Menge an Dingen, die passiert sind, wunderten wir uns auch nicht darüber. 

Sonntag war nur ein halber Tag, den wir fast nur aktiv begangen: Kleine Gesprächsrunden, atmen und schließlich Spiel-Runden. Zuerst kalibrieren: Bottom sucht sich zwei Schlagwerkzeuge und Körperstellen aus („Bitte den Flogger auf Rücken und Hintern“) und Top haut drauf. Bottom sagt, wie er es empfindet bzw wie er es möchte (stärker, schwächer, schneller, langsamer…) und bekommt genau den Schmerz, den er möchte. 

Wir spielten Schnickschnackschnuck, um zu sehen, wer anfängt: Der Russe. Er wollte den Flogger und er bekam ihn…. Es war klar, dass wir damit beide eskalieren, der Anblick ist einfach zu schön. Er wand sich, bat um mehr, um stärkere Schläge, streckte mir seinen Hintern entgegen, brüllte auch mal auf, knurrte, nannte mich Miststück – um mir im gleichen Moment seinen Hintern nicht nur entgegen zu strecken, sondern auch noch damit zu wackeln. Wir genossen es beide so unglaublich, die Luft knisterte förmlich zwischen uns… 

Dann kam die erste Pause und wir switchen: ich wollte den Flogger unbedingt spüren. Wir kalibrierten wunderbar und auch da kam wir ziemlich schnell in einen Spiele-Rausch mit Flogger und Paddel. Ich stand am Anfang an der Wand, kniete ziemlich schnell und lag am Schluß ausgestreckt auf dem Boden. Für mich ist am Boden liegend oder stark fixiert die beste Methode, um Schmerz in Lust zu verwandeln. Wenn ich nicht fixiert bin, klappt mir der Kreislauf weg und ich kann deshalb nicht weitermachen. 

Der Russe bearbeitete mich nach allen Regeln der Kunst, wechselte die Instrumente und die Körperteile, blieb aber noch in einem eher leichten Spiel-Modus. 

Nach der nächsten Pause war ich wieder als Top dran. Ich mag es sehr gerne, die Instrumente schnell zu wechseln, dabei kommt mir zugute, dass ich beidhändig bin. Zum Aufwärmen (ähäm) nahm ich eine Katze, ein wunderschönes Teil. Die geflochtenen Schnüre haben mehr Wucht als der Flogger und die Zungen am Ende jeder Schnur beißen so richtig gemein. Ich musste aber erstmal den richtigen Abstand zu meinen wunderbaren Sub lernen, dann machte es uns beide großen Spaß, die Katze und den Hintern tanzen zu lassen. Ich war damit vorsichtiger, ich konnte den Schmerz noch nicht so richtig einschätzen. Also wechselte ich nach einer gewissen Zeit, als sein Atem stossweise ging, zu zwei anderen Instrumenten: Einen langem und schweren Flogger aus Leder und einem Paddel aus Holz mit Löchern in der Aufschlagfläche. Damit ging es schon mal ganz gut, das Paddel hatte eine wunderbare Wirkung auf ihn. Aber ich hatte Blut geleckt, Mylady war am Zuge und wollte endlich mal wieder ihre sadistische Ader ausleben. Was lag da näher, als das Paddel gegen diesen hübschen Rohrstock zu tauschen? Ich wechselte also immer wieder ab zwischen Flogger und Stock, am Anfang war es noch deutlich mehr Flogger (Schnurren und wohliges Knurren) und dann mehr Stock (Fauchen, Knurren, Faust an die Wand schlagen). 

Ich merkte, wie meine Bestie das schnurren anfing, wie sehr es mir wieder Spaß es machte, ihn leiden zu lassen, für mich und meine Lust, wie sehr er es genoss, wie erregt er war, aber auch wie aggressiv er langsam wurde. Ich liebe diese Stimmung, wenn sein Biest geweckt wird, seine animalische Seite.  An Anfang hatte ich richtig Angst davor, ich dachte, dass ich diesem Biest nicht gewachsen bin, dass ich ihn fixieren muss, um die Oberhand zu gewissen. Inzwischen weiß ich es besser: Immer mehr erwachte dieses Tier in ihm, er spannte alle Muskeln an und drehte sich ruckartig zu mir herum. Starrte mich an mit diesen kalten Augen, knurrte mich an und ging ganz langsam auf mich zu. Ich blieb stehen, fixierte ihn mit meinem Augen und einem leichten Lächeln. Er knurrte mich förmlich an, wollte mich beißen, kratzen, verletzen…. Ich sah ihm nur die die Augen, lächelte weiter leicht höhnisch und sagte nur einmal, ganz ruhig „Dreh Dich um“. Er blieb stehen, überlegte, provozierte mich damit. Ich ging einen Schritt auf ihn zu – und er wich einen kleinen Schritt zurück. Damit wusste ich, dass ich die Oberhand hatte, dass ich die Führung hatte und er nur gezähmt und an seinen Platz verwiesen werden wollte. Ich zischte ihm zu, dass er sich umdrehen und vor die Wand knien sollte. Er tat es, streckte mir seinen wunderbaren Hintern entgegen und ich ließ den Flogger auf ihm tanzen, wechselte immer wieder mit dem Rohrstock ab, schlug auf seine Fusssohlen, auf die Seiten der Oberschenkel, auf die Schultern und dann kam der wieder der Flogger und verteilte den Schmerz. Er brüllte auf, nannte mich „heimtückisches Miststück“ und stachelte mich damit noch weiter an. 

Als ich merkte, dass er langsam anfing die Körperspannung zu verlieren, legte ich den Rohrstock weg und nahm nur noch den Flogger. Er streckte sich mir wieder entgegen, ließ sich von mir verwöhnen und schließlich langsam und gefühlvoll auffangen. 

Als er die Augen öffnete, strahlte er mich an und wir küssten uns lange und innig. Es dauerte diesmal länger, bis er landete und dann lächelte er mich gemein an und schnurrte mir ins Ohr „Ich möchte Dich nochmal leiden lassen, ich möchte Dich endlich mal wieder schlagen, ich möchte Dich schreien hören“. Er hielt Wort….. mit dem Flogger, der Katze, dem Paddel, den Carbonstäben…. Er bearbeitete meinen ganzen Körper, lockte von Schnurren über Aufschreien über wilde Flüche über Liebesschwüre über Zittern über Lachen über Abtauchen alles aus mir heraus und ließ mich danach ganz langsam ankommen, zog mich auf seinen Schoß, umarmte mich, deckte mich zu, strich mir übers Haar und flüsterte mir ins Ohr. 

Als wir uns wieder ansahen, hatte sich etwas verändert. Wir hatten beide wieder Blut geleckt. Wir hatten beide wieder Vertrauen in uns als Einzelpersonen und in uns als Paar. Wir hatten wieder Lust bekommen, die Lust des anderen anzustacheln und zu spüren. Wir hatten wieder die Gewissheit, dass wir zusammen auf diesem Weg sind und die Reise gemeinsam weiter führen möchten. 

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