Tagebuch einer besonderen Auszeit

Einige von euch wissen es: Ich mache nebenbei eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin. Nebenbei bedeutet, dass wir am Wochenende Seminare haben, 1 x im Monat von Freitag Nachmittag bis Sonntag Mittag. Wir sind 25 Frauen (das wir nur Frauen sind, ist Zufall – aber wunderschön), eine sehr gemischte und lebendige Gruppe mit unterschiedlichen Meinungen, Lebenswegen und Lebensaltern. Von 19 – 60 Jahre ist jedes Alter dabei, die Hälfte hat Kinder, einige eine Partnerschaft, viele sind Single. Einige übernachten im Studio (ich auch meistens), das verdichtet die Atmosphäre nochmal zusätzlich. Wir machen also Yoga miteinander, begleiten uns durch diese 4 Jahre voller Yoga, Lachen, Lernen, Schwierigkeiten, Tränen. Das Wunderbare ist, dass wir uns gegenseitig so viel gönnen können, das wir sehr viel austauschen können. In dieser seltsamen Corona-Zeit haben wir natürlich keine Seminare und das fehlt uns allen, wir vermissen den Unterricht, den Raum den wir kreieren, die Übungen, das Neue, das Durchatmen können, das Kekse und Obst mümmeln in der Pause, das Lachen und Austauschen.

Die Leiterin der Schule ist eine wunderbare und sehr lebensweise Frau, die ich bisher noch nie ungeduldig oder kleinlich erlebt habe. Sie lebt diese Schule, sie atmet diesen Geist förmlich und wir alle sind immer wieder sehr berührt von ihr. Sie hält Kontakt mit uns allen in dieser Zeit, schreibt wunderbare Mails und hatte eine sehr gute Idee:

„Eine Idee von mir ist, daß wir alle gemeinsam ein Buch zusammenstellen, unter dem Titel: “Tagebuch einer besonderen Auszeit.“ Ihr schickt mir einen Brief, vielleicht sogar handgeschrieben, in dem ihr eure Gefühle, eure Sorgen, eure Freude, euren Umgang mit dieser Zeit jetzt festhaltet, ich sammle alles und stelle daraus ein Buch für uns zusammen. Was haltet ihr davon?“

Liebe K., vielen lieben Dank für Deine einfühlsamen und berührenden Worte, für die Fotos, die Bilder und Texte, die Du uns immer wieder zukommen lässt. Mich tragen sie, genau wie die Erinnerung von Dir, dass gerade in dieser Zeit unsere Praxis, unser Yoga so wichtig ist. Danke. Aus tiefstem Herzen.

Was dieser Zeit mit mir macht…. ich finde das schwierig zu beantworten und ich glaube, der Text wird länger… anfangs war ich wie viele nicht so ganz überzeugt davon, dass es wirklich so schlimm wird, wie es in den Medien aussah. Ich war sogar noch in Südtirol kurz vor der Reisewarnung! Aber zum Glück in einem Wellnesshotel beim wandern, wir haben also nicht viele Menschen getroffen und musste keine Quarantäne einhalten, konnten auch noch nach Deutschland einreisen ohne Probleme. Die Ausgangsbeschränkung fand ich auch nicht so schlimm. Ich habe es aber hier auch wunderbar, mitten im Grünen, viel Platz im Garten und eine Hausgemeinschaft, die sehr freundschaftlich und verbunden ist, die sich gegenseitig auffängt, neckt, auch mal den Kopf wäscht. Dazu kam, dass ich arbeitslos bin, also auch keine Angst vor Kurzarbeit haben musste. Das Wetter war wunderbar, ich fühlte mich gut und der große Garten war die letzten Jahre vernachlässigt worden – es gab also genug zu tun. Ich fühlte mich fit und gesund, konnte viel tun, machte wieder mehr Sport und auch mehr Yoga. Bis die ersten Einbrüche kamen. Ich merkte, dass ich keine große Lust hatte, zu kommunizieren (Du kannst leider auch ein Lied davon singen, ich wollte Dich ja seit Wochen anrufen – entschuldige bitte). Mir fehlen andere Menschen und anderer Input, aber ich bin sprachlos, weiß gar nicht, was ich sagen soll oder kann. Es geht anderen ähnlich oder genauso, oft viel schlechter… irgendwie kamen mir meine Dinge und Probleme so belanglos vor, dass ich nicht darüber reden wollte.

Ich wollte die Zeit „wenigstens“ nutzen, um mich um meine Gesundheit zu kümmern: Ich habe seit Jahrzehnten Kopfschmerzen, die häufiger und schlimmer werden, mit neuropathischen Symptomen (mir schlafen häufig die Arme ein). Also ging ich zu einem Schmerztherapeuten, bekam ein MRT, Physio, Übungen und genug zu tun. Es löst sich etwas, das merke ich selber. Leider bedeutet das lösen, dass ich gerade häufiger Kopfschmerzen und / oder Migräne habe, dass ich manchmal nachts vor Nervenschmerzen nicht schlafen kann, aufstehen und mich wieder beruhigen muss. Es bedeutet, dass ich nach jedem Besuch beim Physio den restlichen Tag mit Schmerzen auf dem Sofa verbringe, manchmal den nächsten auch noch. Es bedeutet, dass ich vieles nicht schaffe, was ich mir vorgenommen habe. Es bedeutet, dass mein Sportpensum in dieser Zeit schrumpft, es bedeutet, dass ich niemanden sehen und hören will, dass ich im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos bin. Bis ich wieder merke, dass meine Energie wieder kommt und ich wieder etwas tun kann, dann bin ich aber fast schon hyperaktiv und tue zu viel. Aber Bewegung tut mir gut und ich bin danach immer sehr müde, aber sehr glücklich.

Du fragst, was diese Zeit mit unseren Ängsten und Sorgen macht. Mich macht sie sprachlos. (Nicht weil ich Angst vor der Zukunft habe, wie es nach bzw. mit Corona weitergeht. Auch dies wird vorüber gehen, wie Du so schön in Deiner nächsten Mail geschrieben hast. Diesen Satz gibt es übrigens auch bei uns Sufis, es gibt sogar ein Leid darüber, dass wunderschön ist. Es gibt ein Gedicht dazu von Attar:

Es war einmal ein gläubiger König, der die ganze Welt
unter seinem Ring hielt. Er war von vielen Weisen umgeben,
zu denen er eines Tages sagte:
„Im Herzen einen Wunsch ich, seltsam, fand –
doch weiß ich nicht, wieso er dort entstand:
Macht mir doch einen schönen Fingerring,
daß jederzeit, wenn Kummer mich umfing‘,
ich auf ihn blicke und dann fröhlich werde,
frei von dem Gram, dem grausamen, ich werde;
und wenn ich fröhlich bin und froh, voll Glück:
des Ringes Anblick bring‘ den Gram zurück!«
Die Weisen berieten sich lange und fertigten
schließlich einen Ring, auf dem eingraviert war:
„Auch dieses wird vorübergehen!“

(um 1136 – etwa 1220), Farīd ad-Dīn-e ʿAṭṭār, persischer Apotheker, Dichter, Lyriker, Mystiker und Heiliger))

Nicht, weil ich Angst davor habe, wie es mit der Yoga-Ausbildung weiter geht. Da weiß ich, dass ihr – und auch wir – alles geben werdet, damit es weitergeht.

Nein, es ist eine seltsame Art von Sprachlosigkeit, aber eine Sprachlosigkeit der Extreme, der Polaritäten:

Einerseits bin ich so froh um die Gemeinschaft hier um Haus, dass fast immer jemand da ist, das wir gemeinsam viel im Garten und am Haus machen, das wir zusammen kochen, Feuer machen, einfach das Leben genießen und uns gegenseitig aufrichten. Andererseits wird mir diese Gemeinschaft und die Größe auch manchmal zu viel, ich fliehe da in mich selber und brauche extrem viel Zeit für mich alleine.

Einerseits bin ich so froh darum, dass ich einen verständnis- und liebevollen Partner habe. Wir bauen unser gemeinsames Leben hier auf, voller Liebe, Lachen, Respekt, Blödsinn, Zärtlichkeit. Wir haben eine wunderschöne Wohnung, wir haben zwei süße Kater, die für mich Therapie-Tiere sind. Wir haben mit der Hausgemeinschaft einen Glückstreffer, wir verstehen uns alle miteinander. Andererseits engt mich das ein, schnürt mir die Luft ab und ich möchte fliehen. Weiß aber, dass es an mir liegt und nicht an den anderen. Möchte keine Verantwortung für irgendwas mehr, möchte am liebsten nirgendwo sein und niemanden kennen.

Einerseits kümmere ich mich um mich, mit Physio, mit den Übungen, mit Yoga, mit dem Ramadan, der gerade ist, mit Atem, Mantren, Gebeten, mit guter Ernährung, guten Büchern und viel Sport. Andrerseits liege ich tagelang auf dem Sofa, buddele mich ein, mag nichts lesen, nichts hören, nichts sehen und mich nicht bewegen.

Es ist eine extreme Zeit, es ist eine seltsame Zeit und ich glaube, wir reagieren alle seltsam darauf. Ich kann nur immer wieder hoffen, dass uns diese Zeit wirklich einander nahebringt. In erster Linie uns selber nahe bringt, dass wir unsere Mitte mehr finden, unsere Absichten und Prinzipien im Leben, unsere Prioritäten. Das wir wieder mehr lernen und spüren, was wirklich wichtig ist. Natürlich ist ein guter Beruf und ein gutes Leben wichtig. Aber es ist eben auch wichtig, in der Sonne zu sitzen, barfuss, verschwitzt und mit dreckigen Händen. Mit Erde auf der Nase, einem Kaffee in der Hand und einem schnurrenden Kater auf dem Bauch. Mit dem Geruch von frisch gemähten Gras, den Geräuschen eines weiterziehenden Gewitters, dem Gefühl des Friedens. Mit dem Blick ins Grüne, vielleicht sogar auf Wasser oder Berge (ich habe das große Glück hier beides zu haben), mit dem Lied eines Vogels im Ohr. Mit Blumen, die wild blühen und wunderbar duften, mit Katern, die durchs Unterholz hüpfen vor Freude, mit Schmetterlingen, Bienen und Hummeln.

Und einem wunderschönen Yoga-Wochenende zwischendurch.

Das liebe K., das wünsche ich uns allen.

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